Im Interview mit Martin Hais, Ph.D.: Wie Windparks das Mikroklima verändern

Heute sprechen wir mit RNDr. Martin Hais, Ph.D., einem Experten für Landschaftsökologie und Fernerkundung von der Südböhmischen Universität sowie Mitglied im Petitonsausschuss gegen den Windpark Sandl, über die ökologischen Risiken des geplanten Windparks und die Bedeutung des Gratzener Berglandes als grenzüberschreitendes Naturerbe.

Frage: Martin, könntest du dich bitte kurz vorstellen?

Antwort: Ich bin Forscher an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Südböhmischen Universität, wo ich insbesondere Landschaftsökologie und Fernerkundung lehre. Meine Forschung konzentriert sich primär auf die Bewertung der Waldgesundheit mithilfe von Satellitendaten. Darüber hinaus bin ich Mitglied im Ausschuss der Vereinigung „Novohradské hory“ (Gratzener Bergland).

Frage: Hast du eine persönliche Verbindung zum Gratzener Bergland?

Antwort: Ich habe eine sehr starke Beziehung zum Gratzener Bergland, da ich seit 2003 in dieser Region lebe. Ich halte das Gratzener Bergland für eine wahrhaft einzigartige Landschaft mit vielen besonderen Merkmalen, darunter ein großes Grundwasservorkommen, das älteste Naturschutzgebiet Europas (seit 1838) und eine malerische, dünn besiedelte Landschaft, die zudem einer der wenigen Orte in Europa mit geringer Lichtverschmutzung ist.

Frage: Wann hast du zum ersten Mal von den Plänen für den Windpark Sandl gehört und was war deine erste Reaktion?

Antwort: Ich habe, glaube ich, 2024 zum ersten Mal von den Plänen für einen Windpark gehört. Ich war natürlich schockiert und konnte es kaum glauben. Ich habe persönlich erlebt, wie eine Landschaft im rumänischen Banat durch einen Windpark komplett zerstört wurde, und aus Gesprächen mit Einheimischen weiß ich, dass die Menschen dort sehr enttäuscht von diesem Projekt sind. Was den geplanten Windpark in Sandl betrifft, so glaube ich, dass viele Menschen gar nicht realisieren, wie gigantisch dieses Projekt ist und wie fundamental es die Landschaft der gesamten Region beeinflussen sowie zahlreiche Naturreichtümer in der Umgebung schädigen könnte.

Frage: Wie kann ein Großbauprojekt wie der Windpark Sandl aus deiner fachlichen und wissenschaftlichen Sicht die regionale Waldgesundheit irreversibel schädigen?

Antwort: Um ehrlich zu sein, liegt mein Forschungsschwerpunkt nicht auf Windparks. Als Landschaftsökologe erkenne ich jedoch die erheblichen Auswirkungen des geplanten Projekts – nicht nur auf die Veränderung des Landschaftscharakters, sondern auch auf zahlreiche Naturreichtümer. Dazu gehören der Einfluss auf die Avifauna (Vögel, Fledermäuse), Säugetiere (Luchse, Wölfe usw.), die Fragmentierung der Wälder und potenzielle Auswirkungen auf die Wasserqualität.

Frage: Warum und wie wird die lebenswichtige Kühlfunktion für unser lokales Klima negativ beeinflusst?

Antwort: Mehrere Studien in Nordamerika (z. B. Miller & Keith, 2018) haben einen Anstieg der Oberflächentemperatur durch die von Windkraftanlagen verursachte Luftdurchmischung bestätigt. Langfristig kann dies zu einer Verschiebung des Mikroklimas führen, wodurch das Gebiet wärmer und trockener wird.

Frage: In deiner Forschung sprichst du von sich verändernden klimatischen Reaktionen. Wenn man bedenkt, dass der Freiwald bereits mit Trockenheit zu kämpfen hat: Kann der Wald den doppelten Stress aus Klimawandel und der strukturellen Störung durch 19 riesige Windkraftanlagen verkraften?

Antwort: Ich möchte mit etwas allgemeinem Kontext beginnen. Der Klimawandel hängt nicht nur mit der globalen Erwärmung durch Treibhausgasemissionen zusammen; es gibt auch eine dramatische Zunahme von klimatischen und meteorologischen Anomalien. Dies erhöht die Häufigkeit von Dürren – wie wir sie aktuell in diesem Jahr, 2026, erleben – sowie von Starkregen und Schwankungen der Windgeschwindigkeiten. Gigantische Windparks bringen ein weiteres Element der Instabilität in das Mikroklima einer Region ein, was die Auswirkungen dieser Anomalien weiter verstärken kann.

Frage: Da du Satelliten nutzt, um zu sehen, was das menschliche Auge nicht erkennt: Wie wird der „thermische Fußabdruck“ dieses Windparks in fünf Jahren aus dem Weltraum aussehen, falls das Projekt realisiert wird?

Antwort: Ja, ich analysiere seit vielen Jahren Temperaturen anhand von Satellitendaten. Heutige fortschrittliche Technologien sind in der Lage, selbst kleinste Temperaturveränderungen zu erfassen. Tatsächlich wurde in diesem Jahr ein Satellitensystem gestartet, das alle halbe Stunde Daten für jeden Punkt der Erdoberfläche sammelt. Satellitengestützte Thermaldaten sind das ideale Werkzeug, um Temperaturveränderungen an einem bestimmten Ort über einen langen Zeitraum zu überwachen. Die erwähnte Studie aus dem Jahr 2018, die einen Temperaturanstieg feststellte, basiert auf solchen Daten. Ein solcher Temperaturanstieg lässt sich von lokaler bis regionaler Ebene nachweisen.

Frage: Ein oberösterreichischer Spitzenpolitiker behauptete Mitte April 2026 in einer öffentlichen Rede, Tschechien habe beim Bau von Temelín die Einwände Oberösterreichs ignoriert. Das stellt den Windpark Sandl als eine Art gerechtfertigte Revanche dar. Was wird deiner Meinung nach bei diesem Vergleich übersehen?

Antwort: Ich möchte diese Diskussion sachlich führen. Ich weiß, dass solche Verkürzungen in den Medien verwendet werden. Ich glaube jedoch, dass verantwortungsbewusste Politiker über einem so simplen Rahmen stehen. Außerdem glaube ich persönlich nicht, dass dies die Hauptmotivation für den Bau des Windparks ist. Meiner Meinung nach handelt es sich schlicht um wirtschaftliche Interessen, die unter dem Deckmantel der Unterstützung alternativer Energien stehen.

Frage: Wenn du bei einer Gemeindeversammlung in Sandl für eine Minute das Mikrofon hättest, was würdest du den Menschen sagen?

Antwort: Vielen Dank für diese Gelegenheit. Ich möchte an die Bürger von Sandl appellieren, Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem sie leben. Denn es geht nicht nur um die aktuelle Situation, sondern um das Erbe, das wir künftigen Generationen hinterlassen. Tatsächlich spielt es nicht einmal eine Rolle, auf welcher Seite der Grenze das geplante Projekt liegt – es gibt nur eine Natur. Wenn man alle negativen Folgen des geplanten Windparks zusammenzählt, werden sie den Gewinn aus der Windenergie in diesem Gebiet bei weitem übersteigen.

Wir müssen auch die kumulativen Auswirkungen bedenken: Ist die Landschaft erst einmal beschädigt, gibt es nur noch wenige Möglichkeiten, sie wirksam zu schützen, und der Bau des Windparks könnte der Anfang einer vollständigen Umgestaltung der Landschaft sein. Ein Beispiel dafür sind die unbestätigten Berichte, wonach der Windpark in Zukunft bis zu 50 Anlagen umfassen könnte.

Ich appelliere hiermit an den gesunden Menschenverstand und die Notwendigkeit, eine unberührte Umwelt für uns und kommende Generationen zu bewahren.


Lieber Martin, Vielen Dank für das Interview.

Quellen:
Miller, L. M., & Keith, D. W. (2018). Climatic impacts of wind power. Joule, 2(12), 2618–2632.