Wir sind bei weitem nicht die Einzigen, die über den geplanten Windpark Sandl besorgt sind. Heute sprechen wir mit Jan Kurz. Jan ist ein Vertreter der Organisation „Krajina Novohradska“, einer gemeinnützigen Naturschutzorganisation auf der tschechischen Seite der Region Novohradské hory.
Frage: Jan, könntest Du uns einleitend bitte von der Region Gratzener Bergland („Novohradské hory“) erzählen?
Jan: Das Gratzener Bergland ist eine einzigartige und sensible Landschaft, weshalb ein großer Teil davon seit dem Jahr 2000 als Naturschutzgebiet (Přírodní park Novohradské hory) ausgewiesen ist. Dieser Status wird durch europäische Schutzgebiete und Naturdenkmäler gestützt, die sich größtenteils in den oberen Gebirgslagen befinden, also direkt unterhalb des geplanten Windparks. Insgesamt gehören diese Berge zu den letzten Gebieten Mitteleuropas mit so ausgedehnten, intakten Waldökosystemen und einer sehr geringen Bevölkerungsdichte. Hier befindet sich auch der älteste Urwald Kontinentaleuropas – der Žofínský prales. Das Gebiet ist vor allem wegen seiner reichen Artenvielfalt, insbesondere seltener Vögel und Fledermäuse, sowie seiner hohen Luftqualität und Stille geschützt. Es ist die grüne Lunge an der Grenze.
Frage: Könntest Du uns eure Organisation „Krajina Novohradska“ vorstellen? Was ist euer Zweck?
Jan: „Krajina Novohradska“ wurde 2005 von einer Gruppe lokaler Naturliebhaber und Anwohner gegründet. Unser Hauptanliegen ist der langfristige Schutz des Natur- und Kulturerbes dieser Grenzregion. Wir sind eine kleine, aber engagierte Gruppe mit derzeit rund 20 aktiven Mitgliedern und Hunderten von Unterstützern aus der Region, die alle eine tiefe Verbundenheit mit dieser Landschaft spüren.
Frage: Was war dein erster Gedanke, als Du von dem geplanten Windpark Sandl erfahren hast?
Jan: Mein erstes Gefühl war Schock und Unglauben. Als mir das schiere Ausmaß des Projekts bewusstwurde – 19 Windkraftanlagen mit einer Höhe von jeweils 285 Metern – war klar, dass es sich nicht um eine kleine, lokale Anlage, sondern um einen massiven industriellen Eingriff handelt. Dieses Ausmaß ist in unserer unmittelbaren Nähe beispiellos. Angesichts der direkten Nähe zur tschechischen Grenze sind wir ernsthaft besorgt, dass der daraus resultierende Lärm, der Schattenwurf und die optische Beeinträchtigung unweigerlich übergreifen und unsere geschützte Landschaft und ihre Tierwelt, insbesondere im Hinblick auf Vogelzugrouten und Fledermaus-Habitate, stark beeinträchtigen werden. Wölfe und Luchse kämpfen ums Überleben. Man muss sich auch die Bauphase der Windkraftanlagen selbst vorstellen: Neue Straßen, Tonnen an Beton, langfristiger Lärm und Materialtransport werden dieses Gebiet auf Jahre hinweg zerstören. Es wäre ein massiver Schlag gegen die ökologische Integrität der gesamten Region.
Frage: Wie nimmst Du die Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative Sandl wahr?
Jan: Unsere Zusammenarbeit ist von hoher Bedeutung. Die Bürgerinitiative Sandl arbeitet mit außerordentlichem Engagement daran, öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Ihr müsst wissen, dass wir auf der tschechischen Seite bislang praktisch keinerlei offiziellen Informationen über den Windpark Sandl haben.
Allgemeine öffentliche Informationen sind ohnehin rar, doch für die tschechische Öffentlichkeit existierte der Windpark Sandl quasi nicht.
Die sorgfältige Recherchearbeit der Bürgerinitiative Sandl samt Übersetzung in leicht verständliche Informationen ist von unschätzbarem Wert. Ihre Bemühungen haben bereits erfolgreich Menschen mobilisiert und die notwendige Diskussion auf unserer Seite der Grenze angestoßen.
Frage: Was ist dein Appell an die österreichischen Planungsbehörden und Politiker bezüglich dieses grenzüberschreitenden Projekts?
Jan: Unser Appell ist eindeutig:
Stoppen Sie dieses Projekt in seiner derzeitigen Form.
Planen Sie stattdessen gemeinsam kleinere, erneuerbare Energiequellen in den sensiblen Gebieten der Länder, wobei der Naturschutz oberste Priorität haben sollte. Ich persönlich bin kein Befürworter von Großprojekten im Energiebereich beiderseits der Grenzen, auch nicht von Atomkraftwerken. Österreich und Tschechien teilen sich diese wunderschöne, sensible Grenzregion. Dies ist nicht nur ein österreichisches Projekt. Es hat weitreichende grenzüberschreitende Auswirkungen.
Wir fordern die Behörden dringend auf, eine umfassende und wirklich transparente Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchzuführen, die die Auswirkungen auf das tschechische Naturschutzgebiet vollständig berücksichtigt.
Sie müssen anerkennen, dass sie mit dem Bau dieses riesigen Windparks das gemeinsame Erbe des Gratzener Berglandes („Novohradské hory“) beider Nationen unwiederbringlich zerstören. Wir treten für Respekt vor der Natur, die uns vereint, ein.
Lieber Jan, vielen Dank für das Interview. Wir setzen uns gemeinsam ein und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.
p.s. Du hast Freunde/Bekannte auf tschechischer Seite? Unsere Kernbotschaften-Video gibt es auch in tschechischer Sprachvariante.
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