Das Grüne Band ist ein weltweit einzigartiger Naturschutzkorridor, der genau dort entstanden ist, wo früher der Eiserne Vorhang Europa in Ost und West teilte. Weil das Grenzgebiet über Jahrzehnte ein streng bewachtes Sperrgebiet war, konnte sich die Natur dort fast völlig ungestört von uns Menschen entwickeln. Aus dem einstigen Todesstreifen ist so eine wertvolle Lebenslinie geworden, die sich über 12.500 Kilometer quer durch den ganzen Kontinent zieht und seltenen Tieren sowie Pflanzen einen sicheren Rückzugsort bietet.
Im Raum Sandl hat dieser Abschnitt eine ganz besondere Bedeutung, da er den österreichischen Freiwald mit den tschechischen Gratzener Bergen und dem Böhmerwald verbindet. Diese Region gilt als eine der „grünen Lungen“ Mitteleuropas und fungiert als entscheidende Wanderroute für bedrohte Tierarten wie den Luchs, den Elch oder das Auerhuhn. Diese Tiere benötigen für ihr Überleben große, zusammenhängende und vor allem ruhige Waldgebiete ohne menschliche Barrieren. Die Natur kennt keine Staatsgrenzen.
Die Errichtung des Windparks Sandl in diesem Abschnitt des Grünen Bandes bedeutet einen massiven und irreversiblen Eingriff.
Die Koordinationsstelle des Grünen Bandes Österreich im Naturschutzbund hat uns zum geplanten Windpark Sandl folgende Stellungnahme übermittelt:
„Die Vielfalt und die Dimension des Grünen Bands Europa bringen es aber mit sich, dass dieses europäische Biotopverbundsystem nicht pauschal für die Windkraftnutzung tabu ist. Nach sorgfältiger Prüfung können einzelne Abschnitte des Grünen Bands als für die Windenergienutzung geeignete Flächen ausgewiesen werden, wenn damit keine konkreten Beeinträchtigungen für Natur und Landschaft zu befürchten sind.
Vor dem Hintergrund der zum Standort Sandl bzw. der Windkraftnutzung an sich kontroversen Diskussionen zwischen den im OÖ Landtag vertretenen Parteien, der Landesumweltanwaltschaft und den NGOs ist eine zeitnahe Entscheidung kaum zu erwarten. Von tschechischer Seite sind leider keine Statements bekannt, was für eine dezidiert grenzüberschreitende Initiative wie das Grüne Band Europa bemerkenswert ist.
Für den Naturschutzbund Oberösterreich ist die Situation im Mühlviertel sehr sensibel. Der Weinsberger Wald und der Freiwald, die am Grünen Band entlang der österreichisch-tschechischen Grenze liegen, sind große, weitgehend störungsarme und ökologisch äußerst wertvolle Waldgebiete. Diese Regionen erfüllen eine wichtige Funktion als Rückzugsräume für störungsempfindliche Tierarten und als großflächige, zusammenhängende Lebensräume, die in Mitteleuropa immer seltener werden. Gerade hier ist das Grüne Band ein zusätzlicher, fachlich gut begründeter Argumentationsstrang, denn es unterstreicht die langfristige Bedeutung dieses Landschaftsraums für den Biotopverbund und für die ökologische Durchgängigkeit über Landesgrenzen hinweg. Für den Naturschutzbund, der sich seit Jahren für das Grüne Band engagiert, ist es wichtig, diesen Aspekt in die Bewertung einzubeziehen. Das Grüne Band Europa ist freilich nicht als Verhinderungsinstrument zu betrachten – auch nicht für erneuerbare Energien.
Auch der Regionalkoordinator für das Grüne Band Mitteleuropa, der BUND Naturschutz Bayern (BN), spricht sich nicht generell gegen die Erichtung von Windkraftanlagen am Grünen Band aus, verweist aber auf die Notwendigkeit sorgfältiger Flächenprüfungen, naturschutzfachlicher Abwägungen und die Festlegung klar abgegrenzter Ausschlussgebiete.
Bei durchwegs vergleichbaren Landnutzungsstrukturen können diese Kriterien auch für Österreich angewandt werden.
Der BUND Naturschutz Bayern setzt auf Vorranggebiete für Windkraft und hat 2023 einen Kriterienkatalog Windkraft herausgebracht. Darin sind auch absolute Ausschlussgebiete genannt: Nationalpark, Naturschutzgebiet, Alpenplan Zone C, Ramsar-Gebiete, Naturwaldreservate und Naturwälder, Biosphärenreservate Zone 1+2, Welterbe-Stätten und Natura 2000-Gebiete. Dem Bau von Windkraftanlagen im Grünen Band steht er grundsätzlich skeptisch gegenüber und fordert, das Gebiet als wichtiges Biotopverbundsystem zu schützen.
Eine allgemeine Position zur Windkraft am GB gibt es nicht, bei Einzelprojekten aber – wie bei uns in Österreich – immer wieder eine ablehnende Haltung, bei der das Grüne Band als Argument herangezogen wird.
Den deutschen Bundesländern werden Flächenziele für den Ausbau der Windenergie vorgegeben. Demnach muss jede Planungsregion in Bayern bis 2027 mindestens 1,1 % der Landesfläche als Windenergie-Vorranggebiete ausweisen. In einem zweiten Schritt müssen bis 2032 1,8 % der Landesfläche als Windenergie-Vorranggebiete ausgewiesen werden. Für den BN ist es daher Ziel, in jeder Planungsregion schnellstmöglich mindestens 2% der Region als Vorranggebiete auszuweisen, um die energetischen Ziele auch zu erreichen, wenn nicht alle Vorranggebiete genutzt werden.
Thomas Wrbka, Präsident des Naturschutzbundes Österreich, greifen diese Kriterien nicht weit genug: „Auch wenn das Grüne Band in Österreich kein eigens verordnetes Schutzgebiet ist, sind wir uns wohl alle darin einig, dass wir es als funktionelle „Grüne Infrastruktur“ und somit weitestgehend frei von fragmentierenden Eingriffen erhalten sollten“.
Selbst außerhalb der Schutzgebiete sei klar zu erkennen, welche überregionale naturschutzfachliche Bedeutung das Grüne Band u.a. für die Verbundwirkung von Ökosystemleistungen hat.
Zwar sind bereits Abschnitte am Grünen Band Europa erschlossen, aber gerade im Bereich der großen, zusammenhängenden Waldgebiete in Oberösterreich, Niederösterreich und Tschechien sollte auf weitere Erschließungen verzichtet werden. Zudem würde hier eine potentielle Ausschlusszone beeinträchtigt werden.
Eine Prüfung des Projekts „Windkraft Sandl“ braucht deshalb einen umfassenden, transparenten und grenzüberschreitend abgestimmten Zugang, der der ökologischen Bedeutung des Grünen Bandes, seiner Verbundfunktion sowie den naturschutzfachlichen Ausschlusskriterien gerecht wird.
Mit Bezug auf das 2004 erstellte Arbeitsprogramm für das Grüne Band Europa wäre es aber auch zielführend, Alternativen für die Gewinnung von erneuerbarer Energie in dieser Region aufzuzeigen.“
Weitere allgemeine Informationen zum Grünen Band Europa
Das Green Belt Center in Windhaag bei Freistadt
Die Bürgerinitiative Sandl bedankt sich herzlich für die Ausarbeitung und Übermittlung der Stellungnahme.
